Psychodynamische und entwicklungspsychologische Überlegungen zur Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen *
Die Zahl der Minderjährigen, die sich im „falschen Körper“ wähnen und eine gegen-geschlechtliche Hormonbehandlung, eine „geschlechtsangleichende“ Operation und/oder eine Änderung des Vornamens und des Personenstandes anstreben, ist in den letzten Jahren exponentiell angestiegen. Das sog. deutsche „Selbstbestimmungsgesetz“ ermöglicht, dass Minderjährige, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, ohne Vorbedingungen einen Antrag auf Änderung des Geschlechtseintrags beim zuständigen Standesamt stellen können. Bevor die Schlüsselkonzepte zum psychodynamischen Verständnis von Transsexualität erörtert werden, sollen zunächst einige grundlegende Erkenntnisse zur Ätiologie von transsexuellem Selbsterleben zusammengefasst werden. Im Anschluss daran werden wichtige psychodynamische Theorien zur Transsexualität von Mann-zu-Frau und zur Transsexualität von Frau-zu-Mann diskutiert. Auffällig ist, dass derzeit über 80 Prozent der geschlechtsdysphorischen Jugendlichen, die sich einer körperverändernden Behandlung unterziehen wollen, weiblichen Geschlechts sind. Angesichts dieser Entwicklung ist es umso drängender, nach potenziellen Gründen für die epidemiologischen Verschiebungen zu suchen. Deswegen wird in einem zweiten Teil der Frage nachgegangen, ob die Trans-Identifikation möglicherweise in erster Linie eine maladaptive Strategie ist, um den Anpassungsanforderungen der weiblichen Pubertät zu entgehen. Für ein tieferes Verständnis dieses Aspekts ist es hilfreich, die Gemeinsamkeiten zwischen neu auftretender Genderinkongruenz, die sich erst in der frühen oder mittleren Adoleszenz manifestiert, und Anorexia nervosa zu betrachten und die zugrundeliegenden entwicklungspsychologischen Herausforderungen der weiblichen Pubertät und Adoleszenz zu reflektieren.
Dr. med. Alexander Korte, M.A.
Vorlesung: 3 UE, Präsenzveranstaltung mit Zoom, TP/AP, alle

