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Narzissmus und „die tote Mutter“ – André Green und die Arbeit am Negativen

7. Januar 2027 | 18:00 - 20:15
Kostenlos

André Greens Konzept der „toten Mutter“ gehört zu den eindrücklichsten Weiterentwicklungen psychoanalytischer Vorstellungen von Narzissmus, Objektbeziehung und früher psychischer Entwicklung. Gemeint ist nicht der reale Tod der Mutter, sondern eine tiefgreifende Veränderung ihrer psychischen Verfügbarkeit: Eine zuvor emotional erreichbare Bezugsperson wird – etwa infolge von Depression, Verlust oder eigener seelischer Erschütterung – affektiv zurückgezogen, leer oder innerlich abwesend. Für das Kind bleibt das Objekt äußerlich vorhanden und ist zugleich psychisch nicht mehr in derselben Weise erreichbar.

Das Seminar untersucht, welche Folgen eine solche Erfahrung für die Entwicklung von Selbstgefühl, Objektbeziehungen, Affektregulation und narzisstischer Organisation haben kann. Im Mittelpunkt steht dabei weniger eine bewusste kindliche Zuschreibung von Schuld als die fundamentale Erfahrung, dass vertraute Beziehungserwartungen plötzlich nicht mehr beantwortet werden. Versuche, die verlorene Resonanz wiederherzustellen, können scheitern; an die Stelle lebendiger Objektbesetzung treten Rückzug, Identifizierung mit der affektiven Leere des Objekts, Entbesetzung und Formen negativer Bindung.

Greens Überlegungen werden in die Geschichte psychoanalytischer Narzissmustheorien eingeordnet. Ausgangspunkt ist Freuds Unterscheidung von primärem und sekundärem Narzissmus sowie von Ich- und Objektlibido. Daran anschließend werden zentrale Perspektiven der Objektbeziehungstheorie, der Selbstpsychologie Kohuts und Kernbergs Strukturtheorie gegenübergestellt. Green verschiebt dabei den Akzent auf Prozesse des Negativen: auf Abwesenheit, Leere, Entinvestierung, psychischen Rückzug und die paradoxe Bindung an ein verlorenes oder unerreichbares Objekt.

Von besonderer Bedeutung sind Greens Konzepte des „negativen Narzissmus“ und der „Arbeit des Negativen“. Das Negative bezeichnet dabei nicht lediglich Destruktivität oder Pathologie. Abwesenheit, Verneinung und Nichtvorhandensein sind notwendige Voraussetzungen psychischer Repräsentation und Symbolisierung. Pathologisch wird dieser Prozess dort, wo Abwesenheit nicht mehr repräsentiert werden kann, sondern psychisch als Leere, Auslöschung oder Verlust von Lebendigkeit organisiert wird. An die Stelle einer inneren Repräsentation des abwesenden Objekts kann dann eine Identifizierung mit dessen Abwesenheit treten.

Die klinische Bedeutung des Konzepts zeigt sich in Beziehungsmustern, in denen Nähe gleichzeitig gesucht und entwertet, Lebendigkeit abgewehrt oder Bindung durch Rückzug gesichert wird. Gefühle von innerer Leere, Sinnlosigkeit, Unberührbarkeit oder ein schwer zugänglicher negativer therapeutischer Prozess können als Wiederaufnahme früher Formen von Objektverlust und Selbstschutz verstanden werden.

Aus intersubjektiver Perspektive stellt sich schließlich die Frage, wie sich die „tote Mutter“ im therapeutischen Feld aktualisiert. Sie erscheint nicht notwendig als offensichtliche Leere. Auch Aktivität, intellektuelle Brillanz, Kontrolle, Entwertung, affektive Distanz oder die beständige Erwartung des Verschwindens des anderen können Versuche darstellen, eine ursprüngliche Erfahrung fehlender Resonanz zu bewältigen. Gegenübertragung und Reverie des Therapeuten werden damit zu wichtigen Zugängen zu jenen Beziehungserfahrungen, die vom Patienten selbst möglicherweise noch nicht symbolisiert werden können.

Ziel des Seminars ist es, Greens Konzept der „toten Mutter“ nicht als isolierte entwicklungspsychologische Hypothese, sondern als Modell für die komplexe Verschränkung von Narzissmus, Objektverlust, Affektregulation, negativer Bindung und intersubjektiver Beziehungsgestaltung zu verstehen. Zugleich soll untersucht werden, wie aus psychischer Abwesenheit wieder Repräsentation, Beziehung und Lebendigkeit entstehen können.

Dr. med. Klaus-J. Lindstedt
Seminar: 3 UE, Präsenzveranstaltung, AP, alle Apler

Präsenzteilnahme

5 Teilnehmer
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Details

  • Datum: 7. Januar 2027
  • Zeit:
    18:00 - 20:15
  • Eintritt: Kostenlos
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