Integrative Psychotherapie am Beispiel der Behandlung psychotischer Störungen
Als wichtigste Pionierleistung des Neurologen Sigmund Freud erscheint, dass er nach einem neurobiologischen Entwurf des „psychischen Apparats“ (1895), narrative Methoden in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychologie (wieder-)einführte. Ausgehend vom Zusammenspiel von Es, Ich und Über-Ich, das man gut mit aktuellen neuronalen Kohärenzmodellen der Top-Down und Bottom-Up Regulation zwischen lymbischem System, Amygdala/ Hippocampus und präfrontalem Cortex in Übereinstimmung bringen kann, rekurrierte Freud auf kulturelles Wissen von der griechischen Mythologie und Philosophie bis zur deutschen Klassik. Goethe, der um 1800 beispielhaft die Bedeutung lebensgeschichtlich bedingter unbewusster Konflikte und ihre Bewältigung durch sprachliche Gestaltung beschrieb, war der von Freud am häufigsten zitierte Autor. Heute gehört die Erkenntnis „Gib‘ Worte deinem Schmerz / Gram der nicht spricht / Presst das beladne Herz / Bis dass es bricht“ (Shakespeare) zur Allgemeinbildung und wird z. B. in der Pop-Kultur immer wieder neu aufgelegt.
Die Therapieziele der Liebes- und Arbeitsfähigkeit haben tiefe kulturelle Wurzeln und scheinen bis heute, z. B. als therapeutische Verstärkung guter Beziehungen und positiver Aktivitäten, allgemeine Prinzipien unterschiedlicher Psychotherapieverfahren zu sein. Bei der Entwicklung von Modellen, die allgemeinen Prinzipien mit modularen Techniken integrieren geht es um eine individualisierte und personenzentrierte Psychotherapie auf der Grundlage einer humanistischen Ethik.
Wir schlagen hier ein Modell vor, das ausgehend von einer respektvoll anerkennenden therapeutischen Beziehung (A), verhaltensorientierte (B) und kognitive (C) Techniken mit psychodynamisch-psychoanalytischem (D) Verstehen und existentieller Begleitung (E) je nach Störung und Therapiephase integriert. Dabei spielt alltägliche Kreativität eine wesentliche Rolle. Sie ist ein biologisches, psychologisches und kulturelles Psychotherapieprinzip und Lebenselixier. Dies wird anhand der langjährigen Behandlung eines mehrfach als schizophren diagnostizierten Musikers illustriert.
Literatur
„Integrative Psychotherapie – ein schulenübergreifendes Modell anhand von exemplarischen Geschichten aus der Praxis“. Psychosozial Verlag 2021
„Die kreative Bewältigung von Verzweiflung, Hass und Gewalt“. Psychosozial Verlag 2023
„Taylor Swift – Woher kommt der kreative Flow“ Springer Nature 2026
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Rainer M. Holm-Hadulla
Seminar: 3 UE, Präsenzveranstaltung, TP/AP, alle

