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Abstinenz, Neutralität und ich-strukturelles Arbeiten

9. Januar 2027 | 10:00 - 15:30
Kostenlos

Neutralität kann mit einiger Berechtigung als „das Wesen der psychoanalytischen Kur“ (Gullestad 2026) verstanden werden. Zusammen mit dem verwandten Konzept der „Abstinenz“ bildet sie nicht nur die Voraussetzung für analytisches Arbeiten, sondern soll auch sicherstellen, dass es in der psychodynamischen Behandlung nicht zu Grenzverletzungen und Übergriffen kommt. Die Furcht vor Grenzüberschreitungen führte in der Geschichte der Psychoanalyse zu einer dogmatischen und übermäßig strikten Handhabung von Neutralität und Abstinenz auf der einen Seite, zu Widerstand gegen diesen Dogmatismus und Forderungen nach einer „menschlicheren“ Psychoanalyse und flexibleren Handhabung der Konzepte auf der anderen Seite. Günter Ammons behandlungstechnischer Ansatz des „ich-strukturellen Arbeitens“ kann der letzteren Position zugerechnet werden. Doch wie lassen sich Ammons Forderungen nach explizitem „Standpunkt“ von Analytiker*innen und „Realbeziehung“ zwischen Analytiker*innen und Analysand*innen mit der Notwendigkeit gleichzeitiger Abstinenz und Neutralität vereinbaren? Wie lassen sich das durch diese Gegensätze gekennzeichnete Spannungsfeld produktiv für analytische Therapie nutzen und klare, aber flexible Grenzen herstellen und aufrechterhalten?
Das Seminar soll diesen Fragen nachgehen, indem zum einen die Geschichte der Konzepte von Neutralität und Abstinenz in der Psychoanalyse dargestellt wird, zum anderen Ammons wesentliche Positionen zu Haltung und Vorgehen von Analytiker*innen im Rahmen des ich-strukturellen Arbeitens referiert werden. Die Gefahr von Einseitigkeiten im Sinne einer Aufhebung des Spannungsfelds zwischen Neutralität und Engagement soll anhand von Grenzverletzungen, wie sie z.B. in der Behandlung Marylin Monroes bei Ralph Greenson aufgetreten sind (vgl. Dittrich 2024), illustriert werden.
Da das Seminar nicht nur grundlegende behandlungstechnische, sondern auch zentrale ethische Probleme der psychoanalytischen Behandlung berührt, soll der Diskussion der angeschnittenen Aspekte mit den Teilnehmer*innen und deren eigenen Erfahrungen und Positionen breiter Raum gegeben werden.

Literatur:
Ammon, G. (1979): Das Borderline-Syndrom und das ich-strukturelle Arbeiten. In: ders. (Hrsg.): Handbuch der Dynamischen Psychiatrie, Bd. 1. München: Ernst Reinhardt. S. 295 – 363
Bohleber, W. (2012): Vom Chirurgen zum Mitspieler. Über die Veränderung leitender Metaphern in der klinischen Theorie. In: ders.: Was Psychoanalyse heute leistet. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 41 – 59

Dipl.-Psych. Thomas Bihler
Seminar: 6 UE, Präsenz und Zoom für LFI München und PiAs auf PT-Stellen weit außerhalb Berlins, TP/AP, alle

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Details

  • Datum: 9. Januar 2027
  • Zeit:
    10:00 - 15:30
  • Eintritt: Kostenlos
  • Veranstaltungskategorie: