Journal Club – ein neues Format
Ein Journal Club soll dazu dienen, wissenschaftliche Literatur nicht nur zu lesen, sondern gemeinsam kritisch zu durchdenken, klinisch einzuordnen und für die eigene Arbeit nutzbar zu machen.
Für den Start habe ich zwei Themen ausgesucht – die Vorbereitungszeit wäre wahrscheinlich sonst zu knapp. Ab dem nächsten Semester wäre es erfreulich, wenn Themen/Artikel von Ihnen vorgeschlagen werden. Diese sollen dann alle erhalten und lesen.
Gerade für psychotherapeutische und psychoanalytische Themen hat dieses Format mehrere Funktionen:
1. Gemeinsame Wissensbasis schaffen
Alle beschäftigen sich mit demselben Artikel. Dadurch entsteht ein gemeinsamer Ausgangspunkt, statt dass jeder aus seinem eigenen Theoriehintergrund argumentiert.
2. Wissenschaftliche Urteilsfähigkeit fördern
Man prüft nicht nur, was behauptet wird, sondern auch:
• Wie lautet die Fragestellung?
• Welche Methode wurde verwendet?
• Was zeigen die Ergebnisse tatsächlich?
• Wo wird mehr behauptet, als die Daten hergeben?
• Welche Begriffe bleiben unklar?
3. Theorie und klinische Praxis verbinden
Der eigentliche Gewinn entsteht oft erst durch die Frage:
Was verändert dieser Artikel an meinem Verständnis einer konkreten therapeutischen Situation?
Ein Beitrag zu Mentalisierung, therapeutischer Allianz, Predictive Processing oder Affektregulation z. B., wird dadurch vom abstrakten Wissen zu einer klinischen Denkfolie.
4. Verschiedene Perspektiven sichtbar machen
Ein Artikel wird von Psychoanalytikern, Tiefenpsychologen, Verhaltenstherapeuten, Ärzten, Psychologen oder entsprechenden. Ausbildungsteilnehmern unterschiedlich gelesen. Der Journal Club macht diese Unterschiede produktiv, ohne sie sofort auflösen zu müssen.
5. Begriffe klären
Viele wissenschaftliche Begriffe wirken zunächst eindeutig, sind es aber nicht. Begriffe wie z. B. Beziehung, Bedeutung, Selbst, Affekt, Mentalisierung, Embodiment oder Veränderung können gemeinsam präzisiert werden. Und es wird hoffentlich deutlich, dass Begriffe ständigem Bedeutungswandel unterliegen… – sozusagen den Prinzipien des „Story-Telling“ unterliegen.
6. Autorität relativieren
Ein publizierter Artikel ist keine endgültige Wahrheit. Der Journal Club übt eine Haltung zwischen Gläubigkeit und vorschneller Ablehnung:
Was ist an dieser Arbeit überzeugend, was fragwürdig, was dennoch anregend?
7. Eigene Denkbewegungen beobachten
Besonders interessant ist, welche Reaktionen ein Text hervorruft: Zustimmung, Widerstand, Langeweile, Faszination oder Abwehr. Auch diese Resonanz sollte Teil der Diskussion sein, sofern sie wieder auf Text und Thema zurückgeführt wird. (Auch hier werden die Prinzipien des „Story-Telling“ besonders deutlich)
8. Fortbildung lebendig gestalten
Das Format ist dialogischer als ein Vortrag. Wissen wird nicht nur vermittelt, sondern im Gespräch erzeugt, geprüft und verändert.
Für den geplanten Journal Club könnte man den Zweck so verdichten:
Der Journal Club ist ein gemeinsamer Denkraum, in dem wissenschaftliche Texte kritisch geprüft, mit klinischer Erfahrung konfrontiert und in neue theoretische und therapeutische Bedeutungszusammenhänge überführt werden.
Ein gutes Treffen sollte deshalb nicht bei einer Zusammenfassung enden. Es sollte drei Ebenen verbinden:
Was sagt der Text? – Wie überzeugend ist er? – Was bedeutet er für unsere klinische Arbeit?
Für den Einstieg in dieses Format schlage ich zwei Themen vor, die nicht erfordern, sie selbst komplett gelesen zu haben. Ich übermittle quasi Abstrakts, die jede/er lesen möge, als Grundlage für unsere gemeinsame Arbeit. Ab dem nächsten Semester wäre es schön, wenn Sie Artikel vorschlagen, die dann verteilt werden.
Die Literatur, auf die wir uns in diesem ersten Seminar beziehen, finden Sie hier im PDF als Thema 1. Journal Club Themen
Dr. med. Klaus-J. Lindstedt
Seminar: 3 UE, Präsenzveranstaltung, TP/AP, alle

