Einfluss neuer Psychoaktiver Substanzen (NPS) – Legal & Illegal – auf Psychotherapie und therapeutische Beziehung
Welchen Einfluss haben neue Psychoaktive Substanzen (NPS) auf Psychotherapie und therapeutische Beziehung?
Neue psychoaktive Substanzen (NPS) umfassen ein heterogenes Spektrum synthetischer Designerdrogen, deren unvorhersehbare Zusammensetzung und variable Potenz erhebliche Risiken für die psychotherapeutische Praxis bergen. Die Substanzen wirken über unterschiedliche Neurotransmittersysteme und beeinflussen psychodynamische Kernvariablen: Während serotonerge Agonisten Abwehrmechanismen destabilisieren und Hyper-Empathie erzeugen, führen dopaminerge Inhibitoren zu Impulsivität und nachfolgenden depressiven Krisen. NMDA-Antagonisten wiederum induzieren Dissoziationen bei gleichzeitiger Förderung neuroplastischer Prozesse. Epidemiologisch zeigt sich ein gespaltener Konsum zwischen sozial schwächeren Milieus (z. B. synthetische Cannabinoide) und der akademisch geprägten Psychonautikszene (z. B. LSD-Analoga).
In der therapeutischen Praxis verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen unkontrolliertem Konsum und substanzgestützter Psychotherapie (SAP). Dies destabilisiert den Behandlungsprozess tiefgreifend. NPS-induzierte Symptome wie Psychosen oder affektive Schwankungen verzerren klinische Diagnosen. Zudem beeinträchtigen kognitive Defizite die therapeutische Arbeit. Auf der Beziehungsebene gefährden der „Legalitäts-Mythos“ frei verkäuflicher Substanzen sowie die Kriminalisierungsangst bei illegalen Varianten die therapeutische Allianz durch Verheimlichung und Vertrauensverlust.
Beziehungsspezifisch triggern die Substanzen intensive Übertragungsphänomene, die von Idealisierungen bis zu grandiosen oder feindseligen Projektionen reichen. Therapeut*innen sind dadurch in ihrer Gegenübertragung oft mit extremer Unsicherheit, Frustration oder komplementärer Überidentifikation konfrontiert.
Anhand von Praxisbeispielen der Seminarleitung und der Teilnehmenden werden diese Verwicklungen interaktiv reflektiert. Für eine erfolgreiche Behandlung sind ein systematisches Screening, eine offene, wertfreie Haltung sowie eine explizite Auftragsklärung (z. B. Regeln zur Substanzfreiheit in den Sitzungen) unerlässlich. Kontinuierliche Supervision und körperorientierte Stabilisierungstechniken sichern den therapeutischen Rahmen, ohne das zukunftsweisende Potenzial kontrollierter, substanzgestützter Ansätze aus den Augen zu verlieren.
Prof. Dr. med. Markus Herrmann
Seminar: 3 UE, Präsenzveranstaltung mit Zoom für LFI München und PiAs auf PT-Stellen weit außerhalb Berlins, TP/AP, alle

